Friedrich Christian Delius - Der Sonntag, an dem ich Weltmeister
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Description
Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde
Erz?hlung
128 Seiten, HC
? 12,50 / sFr 22,70
ISBN 3-498-01298-3
128 Seiten, Tb
? 6,90 / sFr 12,80
ISBN 3-499-23659-1
128 Seiten, Tb
? 6,90 / sFr 12,80
ISBN 3-499-13910-3
▄bersetzungen sind in D?nemark, Italien, Schweden und USA erschienen.
▄bersetzung in Frankreich in Vorbereitung.
Schulausgabe:
Buchners Schulbibliothek der Moderne, Bamberg 2000
Unterrichtsmodelle mit Kopiervorlagen, erarbeitet von Theo Herold. Cornelsen Verlag, Berlin
H?rbⁿcher:
Jⁿrgen Uter liest "Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde", WDR und
Kontakte Musikverlag, 1997
Peter Lohmeyer liest "Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde", H?rbuch Verlag
Hamburg, 2002
Am berⁿhmtesten Tag der deutschen Nachkriegsgeschichte, dem Tag an dem Deutschland Fu▀ballweltmeister wird und als krasser Au▀enseiter den Favoriten Ungarn schl?gt, dem Tag, an dem eine besiegte Nation neues Selbstbewu▀tsein erlangt, am 4. Juli 1954, wird ein elfj?hriger Pastorensohn in dem hessischen Dorf Wehrda wie an jedem Sonntag geweckt: vom L?rm der Kirchenglocken, die eine Viertelstunde lang nur eine Botschaft einl?uten: Du sollst den Feiertag heiligen!
In der freudigen Spannung auf die Rundfunkⁿbertragung des Spiels erleidet der Junge die Zw?nge der Tagesrituale. Umstellt von christlichen Bildern und eingeschⁿchtert von der Sprachgewalt des Vaters, wei▀ der Sohn nur mit Stottern und stiller Verweigerung zu antworten.
Am Nachmittag dieses Sonntags h?rt er jedoch einem "unerh?rten Gottesdienst" zu: Herbert Zimmermanns Rundfunkreportage wird fⁿr den ver?ngstigten, in einer "Sprachh?lle" lebenden Elfj?hrigen zu einer Art Damaskus-Erlebnis. Das religi?se Vokabular des Reporters, das in der Huldigung an den "Fu▀ballgott" Toni Turek gipfelt, schockiert den Jungen zwar, erleichtert ihm aber den "Abschied von den Eltern" und erm?glicht eine Identifikation mit den Fu▀ballhelden. Fⁿr zwei Stunden dem "Vaterk?fig" entronnen, erlangt er eine Ahnung von Freiheit - "ich war der glⁿcklichste von allen, glⁿcklicher vielleicht als Werner Liebrich oder Fritz Walter".
Die Fu▀ballweltmeisterschaft 1954, ein deutscher Mythos, wurde bislang kaum zum Gegenstand der Literatur. Friedrich Christian Delius stellt sie in den Mittelpunkt seiner autobiographischen Erz?hlung ⁿber das autorit?re Klima seiner Kindheit, ⁿber die Zw?nge und die Enge der fⁿnfziger Jahre. Er nimmt jenen bewegenden Fu▀ball-Sonntag zum Anla▀ fⁿr eine kleine Parabel ⁿber das Janusgesicht der Sprache - die Sprache als unterdrⁿckende Macht und als M?glichkeit der Befreiung.
*
Pressestimmen:
Bilder eines Sonntags
Eine autobiographische Erz?hlung von F.C. Delius: "Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde."
Vielleicht ist's ein Alterssyndrom, wenn die seichte Vielfalt t?glicher Sportsendungen gelegentlich wehmⁿtige Erinnerungen an jenen Julitag vor vierzig Jahren weckt, da "wir" Fu▀ballweltmeister wurden und ich zum ersten Mal so etwas wie kollektives Glⁿck empfunden zu haben glaubte. Ja, ich kenne die einschl?gigen Theorien ⁿber die strukturelle Gemeinsamkeit von Adenauerscher Politik und Herbergerschem Fu▀ball und halte sie fⁿr plausibel, aber mit meinen Erinnerungen haben sie nichts zu tun. Die setzen sich zusammen aus ungl?ubigem Staunen beim Erreichen des Finales, einer G?nsehaut vor dem Radio, Furcht, beim unaufschiebbaren Pinkeln ein Tor zu verpassen, Stolz auf Helmut Rahn und Angst vor der Schule am n?chsten Morgen.
Dazu hat Friedrich Christian Delius jetzt eine wundersch?ne Erz?hlung geschrieben. Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde ist kein Fu▀ballbuch; vielleicht ein Buch ⁿber V?ter oder ⁿber Befreiung und Unterdrⁿckung durch Sprache; vielleicht eines ⁿbers hessische Dorfleben in den fⁿnfziger Jahren, ⁿber die Nachkriegszeit, ⁿbers Heranwachsen im Schatten der "Zonengrenze", ⁿber pubert?re Sehnsⁿchte und ─ngste. Auf jeden Fall eine Kindheitsgeschichte, mit allem was dazugeh?rt. Obschon kaum verhⁿllt autobiographisch und exakt datierbar auf den 4. Juli 1954, entfaltet der Text typische Strukturen von Kindheit. Erinnerungssplitter, Assoziationen und bernsteinklar konservierte Beobachtungen gruppieren sich zum Tableau der fⁿnfziger Jahre. Am Sonntagmorgen "zerhacken" Kirchenglocken "die Traumbilder"; zwar ist das Frⁿhstⁿck an diesem Tag weniger gehetzt als an Schultagen, dafⁿr verhindern "Geleetrⁿbsinn" und kleidungsbedingte "Sonntagsvorsicht" Ausbrⁿche aus der festgefⁿgten Welt des wohlgeordneten Pfarrhaushaltes; sogar das Sanella-Brot ist biblisch aufgeladen, blo▀ der Kakao mangels einschl?giger Bibelsprⁿche "nicht von Gottes Gnade" vergiftet. Zum Glⁿck gibt's die Vorfreude auf den Nachmittag, an dem mit v?terlicher Erlaubnis die ▄bertragung aus dem Berner Wankdorfstadion geh?rt werden darf - und danach ist fast alles ganz anders.
Ruhig und diszipliniert beschreibt Delius den Verlauf des Sonntags - mitunter fast emotionslos, aber hinter lakonisch zugespitzten Begriffen lauern Angst und erstickter Aufruhr. Diese kunstvolle Spannung zwischen Geborgenheit und Terror begreifen auch Leser, denen eine Kindheit im protestantischen Pfarrhaus erspart blieb. Neben vertraute Idylle und N?he signalisierende Feiertags-Komposita ("Sonntagsl?uten", "Sonntagspredigt", "Sonntagsbraten") treten nie geh?rte "Sonntagsblicke", "Sonntags?ngste", "Sonntagsregeln". In den Stolz des Erz?hlers auf einen souver?nen, wortgewaltigen, scherzenden Vater mischt sich Angst vor dessen vitaler Rigidit?t; in seine Sehnsucht nach einem w?rmenden Blick der Mutter Schauder ⁿber deren unnahbare Gerechtigkeit. Selbst die geliebte Literatur ger?t zum Zⁿchtigungsinstrument, weil sie "zu denen hielt, vor denen ich zittern mu▀te". "Hoffnung auf etwas Neues, auf eine bessere Aussicht" keimt ebenfalls in den Nischen: "im Fu▀ball, auf dem Fahrrad, in der Arithmetik der Lⁿgen und in flⁿchtigen Phantasien"; erst bei der Lektⁿre des Sportteils der Heimat-Zeitung stellt sich "das bebende Glⁿck des Lesenden" ein, der "im Text eines anderen so viel Eigenes" entdeckt. Dieses Glⁿck kulminiert in der - elterlichen Mittagschlafes wegen nur ged?mpft genie▀baren - ▄bertragung des Endspiels; hier gelingt sogar der Ausbruch aus "dem Vaterk?fig, den unsichtbaren Gottesfallen". Der mediale Antigottesdienst, der - frevlerisch-befreiend - die zⁿchtigende Sprache des Vaters missbraucht, wenn er den "Fu▀ballgott" beschw?rt, erzeugt schlie▀lich einen "Zustand des Glⁿcks", der sogar die k?rperlichen Symptome t?glicher Versagens?ngste ("Stottern, Schuppen und Nasenbluten") vergessen l?▀t.
Delius' Erz?hlung ist unspektakul?rer als die "V?terbⁿcher" von H?rtling, Meckel oder Vesper - und zugleich beklemmender. Nicht mit finsterer Nazi-Vergangenheit wird hier der t?gliche Terror konnotiert, sondern mit der Idylle kindlicher Geborgenheit. Des Erz?hlers Streifzug durchs Dorf, sein Blick auf die Kirchg?nger, seine Schilderung einer sommerlichen Gewitterwiese - all das k?nnte auch nostalgische Sehnsucht evozieren, wenn da nicht immer diese harte, unangreifbare Gerechtigkeit der Erwachsenen w?re, die alles kennen, nur keine Selbstzweifel. So formiert sich der scheinbar zuf?llige Bilderbogen eines Sonntags zur Ikonographie deutscher Nachkriegskindheit, und nach der Lektⁿre blickt der Leser milder auf die eingangs beklagte Oberfl?chlichkeit. Beim Fernsehen kann er wenigstens ein- und ausschalten wann er will.
(Hannes Krauss, Freitag, 18.3.1994)
*
Gott als Abseitsfalle?
Friedrich Christian Delius' Erz?hlung "Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde"
Sonntagmorgenidyll: im Bett liegen und wissen, da▀ es heute keine Schule gibt. Also noch einmal hinabsinken, in den Schlaf, die Tr?ume fortspinnen, den bettwarmen Schwebezustand bis in alle Ewigkeit verl?ngern. Doch j?hlings zerfetzt ein ohrenbet?ubender L?rm die Stille: das Zimmer liegt Wand an Wand mit dem Glockenturm einer Dreitausend-Seelen-Gemeinde, von dem dreistimmig zum Gottesdienst gel?utet wird. Haus, Kirche, Bett und Junge geh?ren ins hessische D?rfchen Wehrda, unweit von Bad Hersfeld. Dort ist, nicht zuf?llig, auch der Autor Delius geboren.
Der junge Schl?fer wei▀ nur zu gut, da▀ mit dem unsanften Erwachen zugleich ein allsonnt?gliches Pflichtenprogramm beginnt, bei dem es kein Pardon gibt: nicht beim Kirchgang, nicht bei den mⁿtterlichen Ermahnungen, den Feiertag durch Bravsein zu heiligen und nicht beim strafenden Blick des Vaters, wenn er bemerkt, da▀ sein Spr?ssling w?hrend der Predigt nicht bei der Sache ist.
Und tats?chlich plagt den Kleinen gerade reuig das schlechte Gewissen, weil ihm beim Vaterunser zu "Kraft und Herrlichkeit" nur Fritz Walter einfiel. Erst der Autor wird mit bitterem Ton registrieren, da▀ solche heimlichen Ausbruchsversuche viel zu selten blieben, denn schlie▀lich hat Fritzchen ⁿber die Jahre gelernt, wie man sich am Tag es Herrn zu benehmen hat: am Sonntag sind Lederhosen verboten, Manchesterhosen erlaubt, ein Blick ins Lateinbuch verboten, andere Bⁿcher erlaubt, Fahrradfahren zur Gottesdienstzeit verboten, nachmittags erlaubt...
Delius beschreibt minuti?s aus der Perspektive des Knaben, wie eine partriarchalische Familie funktioniert; wobei fatalerweise in diesem Haushalt die Machtworte der v?terlichen Autorit?t neben dem leibhaftigen Erzeuger zus?tzlich Gott = Vater durchsetzt. Tr?ume nach einem warmen Bett werden da zu Sⁿnden wider den Heiligen Geist und der kr?ftige Appetit des Heranwachsenden zur Gefr?▀igkeit (was ihn zusammen mit Mutters Spruch, es sich ja schmecken zu lassen, in doppelte Seelenqualen stⁿrzt).
So geht es Jahr und Tag, und der Ich-Erz?hler leidet: er leidet an Schuppenflechte und stottert, ist unkonzentriert und eigenbr?tlerisch. Mⁿpft er einmal gegen die h?uslichen Verbote auf, dann f?llt ihm prompt das Bild von unserem Herrn Jesu ein, der angeblich seine Gemeindemitglieder wie Fische einsammelt - und dabei gr?bt sich der Angelhaken Gottes immer tiefer in den Rachen des Kindes. Angsterfⁿllt ist er ist er bis zur Atemnot und hilflos, denn "er wusste das alles nicht zu sagen..." Kein Zweifel, die christliche Botschaft, die doch eigentlich eine frohe sein soll, erfuhr unser Pfarrersohn als Unterdrⁿckungssystem, in dem man Unm?gliches zu leisten hat, n?mlich den, den man fⁿrchtet, gleichzeitig zu lieben. Doch diese pers?nliche Erfahrung, so zeigt Delius auch, hat ihre breite, gesellschaftliche Zustimmung. Wⁿtend, nur manchmal amⁿsiert, rekonstruiert er die Deformationen, die die Subjekte durch das unerbittlich pietistisch getrimmte Gewissen seit Jahrhunderten erleiden (weshalb man bereits bei Kleist oder Lessing die t?dliche Brisanz der Gewissensinquisition nachlesen kann).
Nicht nur Bibelsprⁿche und Gemeinpl?tze, auch die Klassiker sind l?ngst in diesem Normensumpf vereinnahmt: "Es war ein Kind, das wollte nie zur Kirche sich bequemen...", droht Goethes Gedicht, das der Autor noch heute auswendig und mit Schaudern herunterbeten kann - das Pfarrhaus, ein schlimmes Kapitel aus der kindlichen H?lle.
Rettung, wir ahnen es schon, bietet da wieder einmal die Kunst, auch wenn sie zun?chst ziemlich profan als Fu▀ballartistik daherkommt. Denn heute, man schreibt den 4. Juli 1954, ist ein besonderer Tag: die deutsche Nationalelf spielt gegen Ungarn, und fⁿr anstandslos erfⁿllte Sonntagsregeln winkt ein Nachmittag vor dem Radio. Da wird, in Erwartung der live-▄bertragung aus Bern, das l?cherliche Absingen von Tischgebeten ertr?glicher, und das durch vage sexuelle Ahnungen unangenehm ⁿberlagerte Mittagsschl?fchen der Eltern kommt ausnahmsweise gerade recht.
Und dann geschieht das Ungeheuerliche: durch den ─ther dringen sensationelle Worte in die dumpfe Stube, Worte wie "Fu▀ballwunder" oder "Allmacht" des liebreichen Liebrich, der "rettet rettet rettet". Endlich begreift der Junge, was es hei▀t, die Ersten werden die Letzten sein; schlie▀lich, er ist vor Aufregung kaum mehr zu b?ndigen, vernimmt der fiebernde Zuh?rer den Sieg seiner Fu▀ballelf, die angetreten war, "den Himmel stⁿrmen".
Die ungeheure Ernsthaftigkeit, mit der zuvor die Worte des Vaters internalisiert wurden, sie werden auf einmal zu Retter gegen seine erdrⁿckende Autorit?t: ein winziger Befreiungsschlag, ein kleiner eineinhalbstⁿndiger Ausflug in das glⁿckliche Reich des Spiels, das der Knabe zugleich mit der befreienden Kraft der Sprache entdeckte.
Am Schlu▀ also ist es heraus: Friedrich Christian Delius' Erz?hlung ist, gut christlich, selbst ein Gleichnis, die Parabel von den Verhei▀ungen der Phantasie, wo der Mensch sein darf, weil er spielt. Jetzt endlich beantwortet sich auch die Frage, die uns Pfarrert?chter schon die ganze Zeit besch?ftigt, was n?mlich den Autor dazu trieb, noch einmal seine Kindheit zu beichten. So schmerzhaft diese Erfahrung war, sie provozierte auf der anderen Seite jenen Impuls zur Aufkl?rung, der Delius' sozialengagiertes Werk pr?gt. Wie seine berⁿhmten Kollegen Lessing, Lenz, Seume, Dⁿrrenmatt... (die Liste ist schier endlos fortzusetzen) kam auch dieser Pfarrerssohn zur Schriftstellerei gerade auf Grund des engen Normenkorsetts, das ihn einst zu ersticken drohte.
Ist die Erz?hlung des Alt-68ers bei aller Kritik also unterschwellig ein Pl?doyer fⁿr Gewissensnot und Zuchtrute aus guter alter Zeit? Schlie▀lich wird in diesem Tagen wieder ernsthaft darⁿber nachgedacht, ob nicht die lasche antiautorit?re Erziehung fⁿr den Werteverlust der heutigen Jugend verantwortlich ist. Immerhin kann man Delius' Kritik am h?uslichen Katechismus auch so verstehen, da▀ es gerade die destruierte Gl?ubigkeit gegenⁿber der Sprache und das latent schlechte Gewissen waren, die Sensibilit?t und soziales Engagement entwickeln halfen. "Konservative Argumente gegen die Angriffe, denen gerade die Linken neuerdings ausgesetzt sind".
"Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde" ist ein Buch, das erst auf den zweiten Blick verwirrt und deshalb bei aller Grundsolidheit provoziert. Zu einer Zeit, da deutscher Untertanengeist und Neonazi-Selbstbewu▀tsein unheilvolle Allianz eingehen, versucht Delius an seiner Biographie klarzumachen, da▀ man sich nicht nur wⁿnschen kann, solche V?ter wie der seine w?ren ausgestorben. Delius' Kindheitsrⁿckblick ist m?rchenhaft weit vom heutigen realen Sportgeschehen entfernt, aber gerade deshalb verkⁿndet er die frohe Botschaft der Literatur, die wieder einmal beweist, da▀ es Dinge gibt, womit man Eigentore meistern kann.
(Iris Denneler, Der Tagesspiegel, 1.5.1994)
*
Ausrufung von Fussballg?ttern
F.C. Delius' Erz?hlung "Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde"
Im Jahr der Fussballweltmeisterschaft eine schmale Erz?hlung mit dem Titel "Der Tag, an dem ich Weltmeister wurde" zu ver?ffentlichen, mit Fritz Walter und dem WM-Pokal auf dem Einband und den rot hervorgehobenen Worten "Weltmeister", "Deutschland" und "Dreizuzwei!" auf der Rⁿckseite, soviel geschicktes Marketing sieht dem nachdenklichen und zurⁿckhaltenden F.C. Delius gar nicht ?hnlich.
Tats?chlich kommt, wer das B?ndchen wegen der nostalgischen Erinnerung an jene kuriosen Konvulsionen des deutschen Nationalgefⁿhls im Sommer 1954 liest, an jenem 4. Juli, als die deutsche Nationalmannschaft die favorisierte ungarische im Berner Wankdorf-Stadion mit 3:2 besiegte, tats?chlich nicht auf seine Kosten. Denn das nationalpsychologische Grossereignis gewinnt in der Erz?hlung nur in der genau umrissenen Perspektive eines elfj?hrigen Pfarrerssohnes Bedeutung; eines stotternden, unter Schuppenflechte und religi?sem Zweifel leidenden Knaben, in dessen abgeschottete Welt die Stimme des Radiokommentators Herbert Zimmermann als das Unerh?rte schlechthin einbricht.
Es beginnt mit einem grossen Gel?ute. Der Elfj?hrige, ?ltestes von vier Kindern im evangelischen Pfarrhaus in der tiefsten hessischen Provinz, wird an jenem Sonntagmorgen von einem viertelstⁿndigen Glockenl?rmen geweckt. Delius beschreibt die akustischen Einschl?ge ins halbwache Kindergemⁿt mit forcierter Eindringlichkeit. Nicht weniger detailliert folgt die Prozedur des Sonntagsfrⁿhstⁿcks, mit den dⁿnnen Brotscheiben, dem gleichm?ssigen Verstreichen der Sanella-Margarine, dem Tropfen des Johannisbeergelees und dem Anflug von Exotik, den "Kaba - der Plantagentrank" dem diszipliniert-kargen Mahl verleiht. Es ist alles wohlgeordnet, materiell bescheiden zwar, dafⁿr aber spirituell reich.
Sanfte Erziehung
Nichts in der Welt des Pfarrersohnes ist nicht von Gott gegeben. Und Gott zu denken, ihm zu danken, ist die geistige T?tigkeit, die alle seine Handlungen begleitet, begleiten soll, nach dem Willen von Mutter und Vater und jenem Vater des Vaters, des allsehenden Auges und allwissenden Geistes in den H?hen. Dies ist der Terror der sanften Erziehung: dass jedes Brot und jede Scheibe Sonntagsbraten vom Wⁿstenmanna und vom Abendmahl her seine Bedeutung erf?hrt, jede Rede vom Wort Gottes, und dass jede Geste von der Sicherheit seiner Anwesenheit zeugt. Es ist der Terror des protestantisch-gottgef?lligen Lebens, das den sinnlichen Zugang zur Welt verstellt, sie demutsvoll mit geistiger Bedeutung bestreicht wie dⁿnnes Brot mit klebrigem Gelee und einen fragenden Jungen unter der Schwere und Sicherheit religi?s-paternaler Allmacht zu ersticken droht. Und das ist ihre Perfidie: dass sie bescheiden, sanft und freundlich auftritt und keine Lⁿcke lassen will. Die Allmacht hat ihren Sitz nicht im Gesetz, ist nicht verk?rpert in einer Figur; sie hat das Innerste des Kindes erreicht.
Dass sie es nicht ausfⁿllt, dabei setzt die Erz?hlung an: Der Junge zweifelt. Vor allem an sich selbst. Warum stottert er? Die Turmbauer zu Babel waren bestraft worden, weil sie sich "einen Namen" hatten "machen" wollen. Woran war er schuldig, dass sich ihm die Haut schuppt?
Delius schafft es ganz geschickt, die Zweifel des Jungen in eben jenen religi?sen Bildern und Begriffen auszudrⁿcken, die sein Leben umstellen und einengen. Hier ist er meist ganz nah an der Ich-Perspektive seines Helden. Doch schmuggeln sich in die durchgehende Ich-Erz?hlung auch h?ufiger Wendungen, die nur von einem distanzierteren, gereiften Bewusstsein aus formuliert werden k?nnen. Wie ⁿberhaupt die Sprache des Jungen von einer gleichsam poetischen Akkuratesse durchdrungen ist. Ein gelernter Dichter gibt dem Jungen zu sagen, was er leidet. Stimmig, bibel- und bildges?ttigt, oft zu perfekt, um wahr zu sein, das heisst zu sch?n, um ganz authentisch zu wirken. Rauh und kantig ist hier nichts; wohlformuliert, motivsicher, manchmal rhythmisch-gestrafft dominiert eine gekonnte Erz?hlsprache die Expression des aufgewⁿhlten Jungen. Man mag das manchmal bedauern, doch verleiht der "poetische" Glanz der eindringlichen Geschichte auch einen gewissen ?usserlichen Reiz.
Die Erz?hlung hat zwei H?hepunkte. Der eine ist die Predigt des Vaters in der Sonntagsmesse, in der die Macht seiner in Namen Gottes deklamierenden Stimme zur vollen Wirkung kommt. Der zweite ist die Fussballⁿbertragung am Nachmittag desselben Tages. "Turek, du bist ein Teufelskerl! Turek, du bist ein Fu▀ballgott!" "Drei zu zwei fⁿhrt Deutschland, fⁿnf Minuten vor Spielende! Halten Sie mich fⁿr verrⁿckt, halten Sie mich fⁿr ⁿbergeschnappt!" - In den ekstatischen Kommentaren Herbert Zimmermanns erlebt der Junge dreierlei: eine beseelte Rede, die aus dem Profanen aufsteigt; einen Welt- und Sprachraum, in dem der Vater nichts verloren hat; und die Ausrufung von Fussballg?ttern, die dem Jungen den Verstoss gegen das erste Gebot beglⁿckt erleben lassen. ─hnlich und gegens?tzlich zugleich ist die Erfahrung der Radiostimme der Vatererfahrung des Kindes; eben deshalb erm?glicht sie ihm eine ╓ffnung in eine andere Welt. Damit endet die Erz?hlung.
Stilsicheres Buch
Ob die Befreiung Folgen fⁿr das Leben hatte, kann der Leser nur vermuten. Eins kann er jedoch, so wahr im elfj?hrigen Pfarrerssohn sich der Autor selbst portr?tiert hat, mit ziemlicher Sicherheit sagen: Literarisch an den Ort seiner frⁿhen Peinigungen und Beglⁿckungen zurⁿckgekehrt, hat er ein (kleines) dichtes und stilsicheres Buch geschrieben, sein sch?nstes bisher.
(Hubert Winkels, Tages-Anzeiger Zⁿrich, 17.5.1994)
*
"Der Blickwinkel des Elfj?hrigen, in der deutschen Provinz, gepr?gt vom protestantischen Pfarrhaus, f?ngt genau die Atmosph?re der bundesdeutschen fⁿnfziger Jahre ein. Der Elfj?hrige wird zum Brennspiegel, und seine Biographie wird fⁿr diese literarische Teststrecke zum Glⁿcksfall." Helmut B?ttiger, Frankfurter Rundschau
"So gl?nzend komprimiert gab es deutsche Nachkriegszeit weder bei B?ll noch Walser noch Enzensberger. Da mu▀te erst Delius mit seiner Erz?hlung kommen... Was gibt es Sch?neres als ein 3:2 gegen Ungarn? Ein 6:0 fⁿr die Literatur. Und fⁿr Delius, der endlich seinen gro▀en Wurf gelandet hat." Abendzeitung, Mⁿnchen
"Ungewohnt eindringlich ..., ungew?hnlich intensiv ..." FAZ
"Ein ganz wunderbar berⁿhrendes Buch." Klaus Modick, NDR
"Die Pr?zision eines virtuosen Erz?hlers." Rheinischer Merkur
"Delius ist mit dieser Erz?hlung ein kleines Meisterwerk gelungen. Sie sollte wenigstens so viele Leser finden wie ein Fu▀ballstadion Zuschauer fa▀t." Hessischer Rundfunk
"Es ist ein Buch zur Weltmeisterschaft." Die Zeit
"Sein sch?nstes und poetischstes Buch ⁿber den Tag, an dem wir alle Weltmeister wurden." Elke Heidenreich, Radio Bremen
"So unangestrengt und lesbar hat Delius bisher noch nicht erz?hlt, und das bei so viel Selbstironie." Nⁿrnberger Zeitung
"Da▀ die Hingabe an den Ball geradewegs emanzipatorischen Charakter haben und ein von Hause aufgezwungenes Weltbild aufbrechen kann, war so in der deutschen Literatur noch nicht beschrieben worden." K?lner Stadtanzeiger
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